Wenn Ladung zur Gefahr für andere wird
Eine dreiköpfige Familie war auf dem Weg in den Urlaub nach Frankreich. Auf einer belgischen Autobahn fuhr vor ihrem Pkw ein Kleinlaster, der mehrere lange Holzbalken transportierte.
Einer dieser Balken löste sich während der Fahrt von der Ladefläche und fiel auf die Fahrbahn. Für die Familie im nachfolgenden Pkw blieb kaum eine Möglichkeit zu reagieren.
Der Balken traf die Windschutzscheibe.

Der Balken durchschlug die Scheibe und drang weit in den Fahrgastraum ein. Fahrer und Beifahrerin blieben unverletzt. Auf der Rückbank saß ihr Sohn in der Mitte des Fahrzeugs in seinem Kindersitz. Der Balken kam unmittelbar vor ihm zum Stillstand. Auch das Kind blieb unverletzt.




Besonders eindrücklich ist der Blick vom Kindersitz nach vorn. Die Bilder vermitteln unmittelbar, wie knapp dieser Unfall für die Familie ausgegangen ist.
Vor Ort konnte die Polizei den Eltern, welche natürlich wegen der zunächst unterbrochenen Urlaubsreise enttäuscht waren, mit folgenden Satz ein Lächeln abringen „Schauen sie sich einmal ihren kleinen, unversehrten Sohn an. Sie werden mit einem Tag Verspätung und einem gesunden Kind ihren Urlaub noch mehr genießen können. Vielleicht feiern Sie an diesem Tag einen gemeinsamen zweiten Geburtstag“
Doch wie konnte ein einzelner Holzbalken überhaupt das Transportfahrzeug verlassen?
Ein Blick auf die Ladungssicherung
Die Holzbalken waren länger als die Ladefläche des Kleinlasters und wurden deshalb bei geöffneter hinterer Bordwand transportiert. Gesichert waren sie mit zwei Zurrgurten.
Die Gurte wurden als Niederzurrungen eingesetzt.
Bei diesem Sicherungsverfahren sollen die Zurrmittel die Ladung mit ihrer Vorspannkraft auf die Ladefläche pressen. Dadurch wird die Reibung erhöht, die einer Bewegung der Ladung entgegenwirkt.

Auf dem Foto fällt allerdings die sehr flache Führung der beiden Zurrgurte auf. Bei einem derart kleinen Zurrwinkel wirkt nur ein entsprechend geringer Anteil der Vorspannkraft in Richtung der Ladefläche. Die für eine Niederzurrung entscheidende zusätzliche Anpresskraft wird dadurch erheblich reduziert. Rutschhemmendes Material, mit dem die Reibung zwischen den Holzbalken und der Ladefläche hätte erhöht werden können, war ebenfalls nicht vorhanden.
Entscheidend ist jedoch das Ergebnis: Die vorhandene Sicherung konnte nicht verhindern, dass sich einer der Balken während der Fahrt nach hinten bewegte und schließlich die Ladefläche verließ.
Ladungssicherung muss in alle Richtungen wirken
Der Fall verdeutlicht einen Grundsatz, der bei der Beurteilung einer Ladungssicherung leicht aus dem Blick geraten kann.
Es reicht nicht aus, dass eine Ladung auf dem Fahrzeug fest erscheint oder durch mehrere Zurrmittel gehalten wird. Eine Ladungssicherung muss so ausgelegt sein, dass sie die während des Transports auftretenden Beanspruchungen in allen relevanten Richtungen aufnehmen kann.
Beim Bremsen, Beschleunigen und bei Kurvenfahrten wirken unterschiedliche Beanspruchungen auf die Ladung. Eine geeignete Sicherung muss deshalb Bewegungen nach vorn, nach hinten und zu den Seiten berücksichtigen.
Gerade der vorliegende Unfall zeigt, warum auch die Sicherung entgegen der Fahrtrichtung nicht vernachlässigt werden darf. Hier genügte die vorhandene Sicherungswirkung nicht, um die Bewegung eines Balkens nach hinten zu verhindern.
Welche Möglichkeiten bot das Fahrzeug?
Nach den vorliegenden Informationen war der Kleinlaster hinter dem Fahrerhaus mit einer Traverse ausgestattet, die für den Transport entsprechender Langmaterialien genutzt werden konnte.

Eine mögliche Alternative wäre daher gewesen, die Holzbalken nicht wie im vorliegenden Fall weitgehend horizontal bei geöffneter hinterer Bordwand zu transportieren. Sie hätten stattdessen schräg angeordnet und unter Nutzung der vorhandenen Traverse gestaut werden können. Damit wäre es zugleich möglich gewesen, die hintere Bordwand zu schließen.
Eine andere Anordnung der Ladung ersetzt allerdings nicht deren Sicherung. Auch bei Nutzung der Traverse hätte geprüft werden müssen, mit welchen Sicherungsmaßnahmen Bewegungen der Holzbalken in allen Richtungen verhindert werden können. Über die dann dort stehende Ladung könnte z.B. ein Spanngurt gespannt werden, der in die ersten Zurrpunkte auf der Ladefläche eingehängt wird. Mit ein wenig Vorspannung werden die Hölzer angepresst, so dass sie weder nach vorn noch nach hinten, oder zur Seite rutschen können.
Für eine konkrete Berechnung der erforderlichen Ladungssicherung fehlen wesentliche Angaben, insbesondere zum Gewicht der Balken, zu den Reibungsverhältnissen und zur Belastbarkeit der vorhandenen Sicherungseinrichtungen. Eine belastbare Dimensionierung ist anhand der vorliegenden Informationen daher nicht möglich.
Der Fall lässt dennoch eine eindeutige Schlussfolgerung zu: Entscheidend ist nicht, wie viele Zurrgurte verwendet werden. Entscheidend ist, welche Sicherungswirkung mit dem gewählten Verfahren tatsächlich erreicht wird.
Fazit
Holzbalken sind weder ungewöhnliche noch besonders kompliziert erscheinende Ladung. Gerade deshalb kann leicht unterschätzt werden, welche Folgen eine unzureichende Sicherung haben kann.
In diesem Fall verließ ein einzelner Balken das Transportfahrzeug, durchschlug die Windschutzscheibe eines nachfolgenden Pkw und drang bis in den Fahrgastraum ein.
Ladungssicherung schützt deshalb nicht nur die transportierte Ware. Sie schützt den Fahrer, das Fahrzeug und insbesondere auch diejenigen Verkehrsteilnehmer, die mit dem eigentlichen Transport überhaupt nichts zu tun haben.
Eine geeignete Stauung und eine darauf abgestimmte Ladungssicherung müssen gewährleisten, dass die Ladung den während des Transports auftretenden Beanspruchungen in allen Richtungen standhält.
Wie knapp dies im vorliegenden Fall ausgegangen ist, zeigen die Bilder deutlicher als jede weitere Beschreibung.
Die Ladungssicherungskolumnisten wünschen einen „Goldenen Oktober“









