Januar 2020

Alles was geht - oder ein tödlicher Unfall

Wir beginnen das Jahr mit einem Bild des Monats wie aus dem Lehrbuch. Wir wären schneller fertig, wenn wir aufzählen würden, was richtig ist. Aber manchmal sind wir für derartige Bilder sehr dankbar, denn wir können in Ruhe die Fehler und mitunter auch schon die Folgen analysieren.

Der geneigte Betrachter sieht sofort, dass es sich hier um Stahl handelt. Stahl ist eine unserer Lieblingsladungen, denn sie ist schwer, flach, scharfkantig und verleitet gerne zu grundlegenden Sicherungs-Fehlern. Beim ersten Blick auf die Ladung dachten wir haaah "I-Träger", aber dafür war zu wenig Ladung auf dem Trailer. Es handelt sich um "Vollmaterial" sicher gibt es einen Fachbegriff dafür, aber für die Beschreibung reicht uns dieser Begriff.

Die Abb. 2 spricht schon recht ausführlich mit uns. Sie sagt:

- Vollmaterial, das ist schwer und scharfkantig - Ladefläche ist vorbildlich sauber, die Flecken im Vordergrund sind Wasser - Die werksseitige Bündelung trägt aus Sicht der LS nicht wirkungsvoll zur Ladeeinheiten Bildung bei - Zurrart ist die Niederzurrung, mit lausigen Winkeln und mit lausiger Wirkung - Kantengleiter oder andere Schutzmaßnahmen für die Gurte können zumindest nicht auf diesem Bild festgestellt werden - RH-Material Fehlanzeige - Bei den Zwischenlegern besteht die dringende Vermutung, dass es sich hierbei um quadratische Formate handelt - seitliche Ladelücken, dass es eine wahre "Pracht" ist - die Ladungssicherung verspricht eine vollkommene Katastrophe zu sein.

Und richtig, die Unterleger sind quadratisch, dass diese Eigenschaft das Rollen stark begünstigt, haben wir schon x-fach ausgeführt. Aber auch hier bestätigt sich der erste Eindruck, dass die Ladefläche schön neu und sauber ist.

Diese Sicherung ist eine ganz extravagante "Sicherung". Es handelt sich nicht um eine normale Niederzurrung, ohne Kantenschutz und mit einem ablegereifen Gurt, der unnötiger Weise auch noch verdreht wurde.

Aus Gründen, die sich uns nicht erschließen, wurde der Gurt durch die Ladungssicherungspunkte geschlauft. Die Haken wurden ineinander gehakt, wie weitere Bilder zeigen werden. Warum weiß keiner. Das Ergebnis ist, von der Systematik her, nichts anderes als eine Niederzurrung. Normal geht ein bisschen anders.

Durch die "Durchschlauferei" ist zumindest schon mal sichergestellt, dass der Gurt durch das Schnüren auch ganz bestimmt nachhaltig geschädigt wird. Das kommt , weil der Gurt breiter ist als der LS-Punkt. Dadurch wird der Gurt an den Kanten zum LS-Punkt hoch gebogen und die Kettfäden des Gurtes müssen sich zusätzlich dehnen. Diese zusätzliche Dehnung führt zur Überbeanspruchung des Gurtes mit dem Ergebnis, das Kettfaden nach Kettfaden reißen, wie ein Reißverschluss, was auf diesem Bild auch schon gut zu bewundern ist (Siehe roter Pfeil). Dass der Gurt auch schon vor Beginn der Reise mehr als ablegereif war, sei hier nur der Vollständigkeit erwähnt.

Auf der Abb. 5 gehen Ursache und Wirkung "Hand in Hand". Der Gurt wird geradezu durchgeschnitten. Das so etwas nicht nur sicherungstechnisch Harakiri ist, sondern auch wirtschaftlich mit dem sprichwörtlichem Geld aus dem Fenster schmeißen zu vergleichen ist, liegt auf der Hand. Da stellen wir uns die Frage: Wie viele Gurte müssen so hingerichtet werden, bis das Geld für eine ordentliche Ladungssicherungsschulung zusammen ist? Das hieße im Umkehrschluss, wenn der Fahrer das Geld nicht "gurtweise" aus dem Fenster schmeißen würde (weil er es ggf. nicht besser weiß), wäre das Geld für einen LS-Kurs wahrscheinlich schon innerhalb eines Jahres drin. Das heißt im Klartext: Gut ausgebildete Fahrer sparen dem Frachtführer bares Geld.

Bei manchen Gurten war die Vorspannung gleich Null, das schont den Gurt und es besteht keine Gefahr, dass er an den scharfen Kanten zerschnitten wird. Auch nur der guten Ordnung halber: Die Sicherung war sowieso keine, denn die Ladelücken lassen keine sinnvolle Niederzurrung zu. Auch wenn eine wirkungsvolle Vorspannung mit gutem Kantenschutz vorhanden gewesen wäre, hätte der Gurt die Ladung stückchenweise in die Ladelücke "geschoben". Durch die Gurtführung über die Ladung entsteht an den Umlenkungsecken eine nach innen gerichtete diagonal wirkende Kraft(siehe Skizze 1), die die Ladung beim Zusammenwirken von Vibrationen und Vorspannung nach innen rückt. Wenige Millimeter reichen schon um die Sicherung wirkungslos werden zulassen.

Gut zu sehen, dass alle Gurte ineinander gehakt waren. Auch nur der guten Ordnung halber: Für das "Ineinander gehakt werden" sind diese Haken nicht gemacht. Werden die Haken so ineinander eingehakt, wie im Vordergrund zu sehen, besteht die Gefahr des Aufbiegens.

Ein Blick in Richtung der Stirnwand ist auch sehr aufschlussreich. Das mit den Ladelücken wird sehr konsequent durchgehalten. Wahrscheinlich hat man schon die eine oder andere negative Erfahrung mit derartiger Ladung gemacht. Wie wir ja an der vorbildlich gereinigten Ladefläche gesehen haben, legt man auf ein intaktes, sauberes Fahrzeug viel Wert. So ist es nur "verständlich", dass man mit der Ladung gebührend Abstand von der Stirnwand hält, denn diese war ja schon mal kaputt, wie man an der sauber ausgeführten Reparatur sehen kann.

Auf die Idee die Stirnwand mit Holz vor der Ladung zu schützen und die Last mit dem Holz auf selbiger zu verteilen, ist man nicht gekommen. Da fehlt es an einer Ausbildung beim Fahrer, aber insbesondere auch beim Verlader.

Hypothese:

Wir nehmen mal an, dass ein tödlicher Unfall passiert ist, weil dieses Fahrzeug in einer Rechtskurve, in einer Notsituation, eine Vollbremsung absolvieren musste. Die Ladung schießt nach links vorne, "lacht sich dabei über die Ladungssicherung tot", durchbricht die Plane und landet im Gegenverkehr. Dort kommt gerade ein Schulbus daher…Das Ergebnis: Drei Tote und sieben Schwerverletzte.

In so einem Fall werden Sachverständige, Gutachter und Anwälte aufgeboten, wie Weihnachtskugeln am Christbaum. Es wird die Frage nach der Verantwortung gestellt werden. Der Fahrer stammt aus dem Ostblock und fährt für ein beschämend kleines Gehalt. Eine Ladungssicherungsschulung hat er nie gesehen, was zu Fragen in Richtung des Frachtführers führen wird. Ggf. wird man die Frage stellen, woher der Fahrer die komplizierten Zusammenhänge bei der Ladungssicherung kennen soll, wenn er nie darin unterrichtet wurde. Und auch nur der guten Ordnung halber: Mit Ladungssicherungsschulung meinen wir nicht einen Samstagnachmittag bei Kaffee und Plätzchen….

Der Verlader kennt seine Ladung, hat aber die Ladungssicherung auf den Frachtführer und seine Erfüllungsgehilfen, also die LKW-Fahrer per Vertrag delegiert. Damit hat er es aber auch bewenden lassen. Eine Kontrolle ob die offensichtlich in der Ladungssicherung nicht ausgebildeten Fahrer die Ladung richtig sichern, hat nicht stattgefunden. Auch waren die Lademeister nicht entsprechend unterwiesen, geschweige denn ausgebildet. Da wird wahrscheinlich der eine oder andere Anwalt die Frage stellen, ob hier die Verantwortung für die Ladungssicherung richtig delegiert wurde und ob der Verlader seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Wenn innerhalb des Unternehmens, wie in diesem konstruierten Falle, die Verantwortung nicht geregelt ist und das Verladepersonal nicht entsprechend ausgebildet ist, bleibt sie wie eine Klette an der Geschäftsführung hängen. Das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Gericht auch feststellen. Und dann steht der Herr oder die Frau Geschäftsführer(in) bei Gericht neben dem vollkommen unterbezahlten und nicht ausgebildeten Fahrer auf der einen Seite, und auf der anderen Seite steht der Herr oder Frau Frachtführer(in), die ihren Fahrer mit todbringender Ladung auf die Reise geschickt hat. Der Fahrer wird sicher ein Teil der Schuld zugewiesen bekommen, aber der große Rest landet bei denen, die derartige Missstände beseitigen können, bzw. hätten beseitigen müssen und das zu Recht.

Wir wünschen von Herzen ein ladungssicheres Jahr und weiterhin viel Erkenntnis, bevor ein derartiger hypothetischer Fall eintritt.

Ihre Ladungssicherungskolumnisten.

Wolfgang Jaspers
Enkhtuvshin Belegbadrakh
Uwe-Peter Schieder

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