Juli 2018

Rappelkiste

Abbildung 1 [Wolfgang Lehmkühler]

Als wir die Abbildung 1 zum ersten Mal gesehen haben kann uns gleich in den Sinn, dass hier ein Entsorgungsfahrzeug seine Ladung verloren hat. Aber bei näherer Betrachtung kamen uns Zweifel. Im Hintergrund ist ein Fahrzeug zu erkennen, welches ähnliche Ladung, die ebenfalls zerstört war, geladen hatte. Der Blick zurück zeigt den "Grund" für diesen reinen Ladungssicherungsunfall, eine Linkskurve. Nun ist es ja dankenswerterweise so, dass die Ladungssicherung so ausgeführt werden soll und muss, dass sie verkehrsüblichen Belastungen standhält. Dazu gehört das Durchfahren von Kurven, das Fahren von Ausweichmanövern und Vollbremsungen.

Abbildung 2 [Wolfgang Lehmkühler]

Auf der Abbildung 2 sieht man das Fahrzeug am rechten Fahrbahnrand stehen und die aufnehmenden Polizisten haben sicherlich mehrfach ihre Stirn in Falten gelegt. Vorne auf der Kröpfung steht eine Kiste vollkommen unversehrt und gut gesichert, so möchte man meinen. Auf der tiefer gelegenen Ladefläche hinter der Kröpfung standen ursprünglich 2 Kisten à 8,5 t übereinander. Es bestand weder nach vorne noch zu den Seiten irgendwelcher Formschluss. D.h. im Klartext diese Kisten sollten über die Reibung gesichert werden.

Abbildung 3 [Wolfgang Lehmkühler]

Folgerichtig wurden, wahrscheinlich vom Fahrer, RH Materialien schön säuberlich unter die Kiste gelegt, so hat es zumindest den Anschein. Die Kisten waren mit 3 Gurten niedergezurrt. Da wir auf der Abbildung 3 eine Ratsche sehen und ein Losende, könnte man annehmen, dass hier sogar wechselseitig vorgespannt wurde. Besehen wir uns die Kiste genauer, machen wir an der linken vorderen Kante eine Einbeulung aus, die von einer Direktzurrung um die Stirnseite der Kiste stammen könnte. Das würde das Bild einer guten Ladungssicherung, wenn auch unkonventionell, vervollständigen. Das ist aber reine Spekulation, denn den ggf. abgerutschten Gurt sehen wir nirgends liegen.

Abbildung 4 [Wolfgang Lehmkühler]

Richtig ist, dass RH Material offensichtlich in ausreichender Menge vorhanden war, und auch so unter gelegt wurde, dass die Kiste von der Ladefläche reibungstechnisch getrennt wurde. Das werten wir als eindeutigen Pluspunkt.

Abbildung 5 [Wolfgang Lehmkühler]

Warum es dann zu dieser spektakulären Abladung gekommen ist, die nicht nur die Kiste in der 2. Lage, sondern auch die auf dem Fahrzeug verbliebene Kiste nahezu vollkommen zerstört hat, bleibt erstmal schleierhaft. Also begeben wir uns auf die Suche nach Fakten, die mit uns aus dem Bild sprechen. Im Vordergrund auf der Abbildung 5 sehen wir einen durchschnittenen Gurt, der offensichtlich breiter ist als die üblichen Gurte die 2.500 daN im geraden Zug an Sicherungskraft aufbieten. Näheres wissen wir leider nicht zu diesem Gurt. Die Kiste selbst ist aus OSB Material. Dieses Material ist bekannt für seine scharfen Kanten, und der "Schnitt" am Gurt weist darauf hin, dass die scharfen Kanten des OSB Materials hier ganze Arbeit geleistet haben. Im Umkehrschluss heißt es natürlich, dass keine Kantenschützer irgendwelcher Art Verwendung fanden, diese aber dringend gebraucht wurden. Der Zerstörungsgrad auf diesem Bild lässt uns stutzen, denn eigentlich ist ja nur die obere Kiste abgerutscht, und für uns ist es nicht erklärlich warum die untere Kiste dermaßen "gelitten" hat.

Abbildung 6 [Wolfgang Lehmkühler]

Die Abbildung 6 ist auf den 2. Blick deutlich auskunftsfreudiger als die anderen Abbildungen. Wir sehen eine Runge die um mehr als 90° verbogen wurde, gerade so als ob es sich hier um Knetgummi handeln würde. Eine weitere Runge wurde schlicht und ergreifend abgerissen (siehe Abb. 7). Hier müssen also erhebliche Kräfte am Werke gewesen sein. Jetzt fragen wir uns, wo doch die untere Kiste vorbildlich mit RH Material unterlegt war, was war zwischen der unteren und der oberen Kiste? Wir blättern zurück zur Abbildung 2. Dort sehen wir, dass die Kisten obenauf mit Folie feinsäuberlich belegt waren. Diese Folie ist reiner Regenschutz und wurde seitlich an den Kistenwänden geflissentlich festgetackert. Aus kistenbaulicher Sicht ist das sicherlich sehr sinnvoll. Aber warum sehen wir derartige Zerstörungen, wie sie auch auf der Abbildung 7 zu sehen sind?

Abbildung 7 [Wolfgang Lehmkühler]

Hier ist die abgerissene Runge zu sehen und ein weiteres wichtiges Detail, ein Teil einer RH Matte. Da die untere Kiste zwar zerstört, aber immer noch an ihrem Platz steht, muss dieses RH Material unter der oberen Kiste gelegen haben. D.h. also, dass wahrscheinlich die obere Kiste genauso gut mit RH Material unterlegt war, wie die untere Kiste, um die Niederzurrung zumindest in seitlicher Richtung ausreichend und wirkungsvoll zu machen. Was hier offensichtlich vergessen wurde, ist über die Reibung zwischen der Folie und dem OSB Material nachzudenken. Folie ist meist sehr glatt und das OSB Material ist häufig mindestens genauso glatt. Ein paar Tackerklammern, die die Folie nur am Wegfliegen durch Wind hindern sollen, werden hieran nichts ändern.

Ladungssicherungstechnisch wurde bei dieser Verladung, zumindest in seitlicher Richtung, eigentlich alles richtig gemacht, aber man vergaß schlicht und ergreifend die miserable Reibung zwischen Folie und OSB Kistendeckel zu berücksichtigen. Die Tatsache, dass zwischen Folie und Kiste keinerlei Verbindung bestand außer einer Reibung die wahrscheinlich kleiner 0,1 war, wurde vollkommen außeracht gelassen. Genau das ist der Grund dafür, dass die obere Kiste mit ihren 8,5 t mit einer derartigen Gewalt Gurte durchgerissen, Rungen abgerissen bzw. vollkommen verbogen und erhebliche Zerstörungen an der unteren Kiste angerichtet hat.

Abbildung 8 [Wolfgang Lehmkühler]

Auch hier bietet sich ein Bild des Grauens. Ein Gurt der nahezu abgeschnitten wurde und viel Material welches beim Kistenbau verwandt wurde, welches kreuz und quer auf dem Fahrzeug liegt. Die Frage die wir uns nebenbei stellen ist, war die Kiste tatsächlich so gut gebaut? Denn eigentlich ist die obere Kiste, zwar spektakulär, aber immerhin nur abgerutscht. Je niedriger die Reibung zwischen Kistenboden und Kistendeckel, desto kleiner ist die physische Kraft, die auf die untere Kiste einwirkt. Eine Frage die sich bei der Interpretation des übrig gebliebenen Haufen "Mülls" nicht mehr beantworten lässt.

Ladungssicherung

Wie immer stellen wir uns die Frage wie eine derartige Sicherung der Ladung besser ausgeführt worden wäre. Bei einer Kiste mit 8,5 t hätten zur Seite das gute RH Material und 3 Niederzurrungen vollkommen ausgereicht. Wir unterstellen einen Reibbeiwert von μ = 0,6, dann hätten bei einer Kiste noch 1.700 daN an Sicherungskraft (was einer Vorspannkraft von etwa 2.833 daN entspricht) nach vorne gefehlt. Ob die Gurte tatsächlich diese Vorspannkraft aufgebracht haben, sei dahingestellt. Wir nehmen dies für den Verlader und Fahrer einfach mal an.

Für eine 2. oben aufgeladene Kiste, die auf Folie quasi wie auf Schlittschuhen steht, so gut wie ohne Reibung, hätten wahrscheinlich 20.000 daN als Vorspannung nicht ausgereicht. Vorausgesetzt die untere Kiste war stabil genug gebaut und derjenige, der die Sicherung ausgeführt hat, hätte realisiert, dass die Reibung durch die Folie "futsch" war, dann hätte diese Person wie selbstverständlich die Direktsicherung als Sicherungsart ausgewählt. Zwei Umspannungen von jeder Seite hätten vollkommen ausgereicht um die Kisten beide seitlich zu sichern. Wobei RH Material unter der unteren Kiste selbstverständlich immer eine sehr gute Idee ist. Da wir der Materialpaarung Folie OSB Platte schon eine "Null- Reibung" attestiert hatten, muss die obere Kiste nach vorne und nach hinten durch Direktsicherungen gesichert werden. Diese können kreuzweise um die jeweilige Stirnseite der Kiste genommen und möglichst weit nach hinten bzw. nach vorne am Fahrzeug geführt und befestigt werden. Selbstverständlich ist auch bei Direktsicherungen darauf zu achten, dass ausreichend Kantenschutz Verwendung findet, denn Direktsicherungen können ihre sichernde Wirkung nur dann entfalten, wenn die Ladung ein Stück weit rutscht.

Zum guten Schluss noch die Frage, wer an diesem Unfall schuld ist? Der Fahrer und der Versender! Der Versender (wahrscheinlich der Verpacker selbst) muss wissen, dass seine Folie die Reibung auf nahezu Null setzt und dem Fahrer muss es der gesunde Menschenverstand sagen. Also, beide sind Schuld und wir hoffen, dass auch der Verlader sein Bußgeld bekommt, nicht weil wir schadenfroh sind, sondern weil wir hoffen, dass unter Mithilfe eine Bußgeldes ein Denkprozess in diesem Betrieb losgetreten wird. Denn wenn ein Verlader eine Ladung so auf die Reise schickt, macht er sich immer mitschuldig und trägt auch Verantwortung.

Die Ladungssicherungskolumnisten wünschen allzeit eine ladungssichere Fahrt.

© KLSK e.V.