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April 2017

Der Übeltäter

Diesen Monat behandeln wir im Bild des Monats einen Unfall. Diesen Unfall hat ein Übeltäter ausgelöst und den sieht man auf der Abbildung 1.

Abbildung 1 [Polizei Dortmund]

Es ist ein geplatzter Vorderreifen. Das Fahrzeug - beladen mit Betonrohren - ist, nachdem der Reifen geplatzt ist, ungefähr im Winkel von 45 Grad auf die Mittelleitplanke, die aus hinterfüllten Betonwänden bestand, zugefahren, mit dieser kollidiert und noch ein gehöriges Stück daran entlanggeschrabt. Dabei muss das Fahrzeug wie ein "Scheibenwischer" an diese Betonwand herangeklappt sein.

Abbildung 2 [Polizei Dortmund]

Durch das Heranklappen des Aufliegers hat sich das hintere Betonrohr aus seiner Sicherung gelöst und ist auf den stark befestigten Mittelstreifen gerollt. Jeder Betrachter erkennt in diesem Bild die Dramatik dieses Unfalls.

Abbildung 2a [Polizei Dortmund]

Auf der Abb. 2a sieht man deutlich, wenn ein bisschen mehr Energie gewesen wäre, dass der Unfall zu einer Katastrophe im Gegenverkehr geführt hat. Wir ergehen uns aber nicht in apokalyptischen Phantasien sondern wollen diesen Monat untersuchen, welche Leistung eine gute Ladungssicherung vollbringen kann bzw. muss.

Abbildung 3 [Polizei Dortmund]

An den Spuren auf der Mittelleitplanke können wir sehr genau (siehe roten Pfeil) den Kollisionspunkt der Zugmaschine mit der Betonwand sehen und ferner wie weit das Sattelkraftfahrzeug an der Betonwand entlanggeschrabt ist. Das Betonrohr ist dabei linkseitig vom Auflieger gerutscht und hat sich in den Mittelstreifen der mit Erde und Schotter gefüllt ist, gebohrt.

Abbildung 3a [Polizei Dortmund]

Dabei hat das Betonrohr ein Stück weit aufgestellt, sich um fast 90 Grad gedreht und ist dann auf die Betonwand der Gegenfahrbahn gefallen. Auf der Abbildung 3a sieht man einen großen Placken Beton, der von der Betonwand durch das Aufschlagen abgeplatzt ist.

Abbildung 4 [Polizei Dortmund]

Derartige Bilder sind eine absolutes Eldorado für einen Ladungssicherungskolumnisten. Wir beginnen vorne:

Die Stirnwand ist offensichtlich mit Ketten zusätzlich abgefangen worden, denn eine Kette kann nicht nur hier auf der linken Fahrzeugseite sondern später auch auf der Abb. 5 auf der rechten Fahrzeugseite entdeckt werden. Sie laufen ungefähr im 45° Winkel auf die Ladefläche zu und können der Stirnwand zusätzlichen Halt geben. Das Fahrzeug ist beladen mit Betonrohren. Die ersten beiden mit der Rollrichtung in Fahrtrichtung längst, das dritte Betonrohr mit der Achse vertikal bzw. stehend und die beiden hinteren Betonrohre waren liegend mit der Rollrichtung quer zur Fahrtrichtung geladen. Bei der Konzeption und der Umsetzung der Ladungssicherung könnte man ins Schwärmen geraten.

Das erste Rohr wurde mit zwei Direktsicherungen am Rollen in Längsrichtung nach vorne und nach hinten gehindert. Eine Niederzurrung fungiert als Direktsicherung gegen das Überrollen der Keile, die in Längsrichtung das Rohr am Verrollen hindert. Das zweite Rohr ist formschlüssig an Rohr eins angeladen und wird ebenfalls durch Direktsicherungen am Verrollen nach vorne und nach hinten gehindert. Das dritte Betonrohr, welches stehend verladen wurde, steht auf RH-Matten (so wie die Holzunterleger der ersten beiden Rohre), deren Stärke nicht überliefert ist. Nach dem Unfall herrscht nach vorne und wahrscheinlich auch nach hinten Formschluss. Die Sicherung bestand aus zwei diagonal über das stehende Rohr geführte Niederzurrungen, von denen zumindest einer mit einer Langhebelratsche ausgestattet war.

Abbildung 5 [Polizei Dortmund]

Auf der Abb. 5 kann man die Keile des Rohr eins erahnen, die auf dem Unterlegerholz platziert waren. Zwischen Rohr eins und zwei liegt ein Unterleger mit daraufgenagelten Keilen, wo dieser Unterleger platziert war, können wir nicht mehr sagen. Wir wären nicht bekannt als die Ladungssicherungskolumnisten oder auch Ladungssicherungsnörgler, wenn wir bei diesen Bildern nicht auch ein Haar in der Suppe finden würden. Der Grund dafür, dass auf diesem Fahrzeug mit sehr lausigen Gurten, deren Zustand fast durchweg ablegereif war, gesichert wurde, liegt zum einen daran, dass wahrscheinlich häufiger Betonladungen geladen wurden und dass sehr inkonsequent mit dem Schutz der Gurte vor der sehr abrasiven und zuteilen sehr scharfkantigen Ladung umgegangen wurde. Die roten Pfeile in der Abb. 5 zeigen auf die Stellen, wo Gurte direkt mit der scharfkantigen und abrasiven Ladung in Berührung kommen.

Abbildung 6 [Polizei Dortmund]

Sehr wohl hat man versucht, die scharfkantigen Rohre mit Kantengleitern zu belegen, um die Gurte zumindest teilweise zu schützen. Aber auch hier auf der Abb. 6 sehen wir den eindeutigen Berührungspunkt mit der Ladung selbst und den Beweis dafür, dass die Kantengleiter nicht für Betonrohre geeignet sind. Diese Kantengleiter sind für großformatigere Ladungen, an denen sie glatt anliegen können. Hier wurde durch den Gurt der Kantengleiter gegen die Dichtungsfläche des Betonrohres gedrückt und das so stark, dass er (siehe Pfeil) geplatzt ist. In so einem Fall wirkt der Kantengleiter eher kontraproduktiv.

Abbildung 7 [Polizei Dortmund]

Für die Abb. 7 sind wir besonders dankbar. Sie zeigt, dass eine Niederzurrung nicht nur eine Niederzurrung ist, sondern eben auch eine Direktzurrung werden kann. Grundsätzlich gilt, dass Direktzurrungen nur dann wirken können, wenn sich die Ladung ein stückweit bewegt, um die Ladungssicherungskapazität des Ladungssicherungsmittels durch Längung abzufordern. Im Klartext heißt das, die Kette oder der Gurt muss sich ein Stück längen, damit er die entsprechende Gegenkraft aufbauen kann. Die Physik ist aber nicht eingleisig sondern sie verbindet immer Direkt- und Niederzurrungen miteinander, wie dieses Bild 7 perfekt beweist. Die Ladung ist nicht nur auf die linke Fahrzeugseite nahezu einheitlich verrutscht, wie man unschwer auf der Abb. 2 erkennen kann, sondern sie ist auch nach vorne gerutscht. Schön zu sehen ist, dass die Hölzer auf RH-Material liegen bzw. lagen, denn sie sind ein Stück nach vorne gerutscht und auch ein stückweit von der RH-Matte gerutscht. Die Gurte sind direkt auf dem abrasiven Material Beton befestigt. Nochmal möchten wir unseren Unmut darüber äußern, denn die Gurte leiden hier extrem. Schutzschläuche über den gesamten Gurt schützen sie und verlängern deren Lebensdauer um ein Vielfaches.

Auf der Abb. 3 konnten wir sehen, welche Spuren rutschende Gurte auf dem Betonrohr hinterlassen. Ansatzweise ist das auf der Abb. 7 nur beim vorderen Gurt festzustellen. Die Schräglage aller Gurte zeigt, dass das Betonrohr ein beträchtliches Stück nicht nur nach links sondern auch nach vorne gerutscht sein muss und hierbei hat es die Gurte mitgenommen und diese dadurch auch ein Stückweit zur Direktzurrung werden lassen, was die Sicherung zusätzlich erhöht. Die Vorspannung muss erheblich zugenommen haben, so dass die Sicherung selbst diese Unfallsituation, die eine Beschleunigung, die weit höher als jegliche normale Fahrsituation sie verursacht, mit sich gebracht hat.

Abbildung 8 [Polizei Dortmund]
Abbildung 9 [Polizei Dortmund]

Auf der Abb. 8 und 9 können wir den desolaten Zustand der Gurte in Augenschein nehmen. Auf ihrer gesamten Länge waren immer wieder extreme Abnutzungen, Anrisse und dergleichen zu finden, die wahrscheinlich bei allen Gurten eine Entsorgung gerechtfertigt hätten.

Wenn jetzt einer unserer Leser mit dem Argument kommt "ja aber diese Gurte haben doch sogar eine Unfallsituation überstanden, warum hätte der Fahrer oder der Unternehmer sie gegen neue Gurte austauschen sollen?" halten wir nur entgegen: Vielleicht hätten neue Gurte auch das letzte Rohr noch an seinem Platz gehalten!

Wir vertreten hiermit auf gar keinen Fall die Meinung, dass Ladungssicherungsmaßnahmen so ausgelegt werden müssen, dass sie auch im Falle eines Unfalles die Ladung an Ort und Stelle halten müssen. Dieses Bild des Monats beweist aber, dass Ladungssicherung auch im Falle eines Unfalles lebensrettende Aufgaben übernimmt. Alle Gurte, alle Ratschen und wahrscheinlich sogar die Ladungssicherungspunkte werden bei diesem Unfall bis weit über ihre Grenzen belastet und müssen hinterher entsorgt werden. Aber sie haben gemeinsam mit der guten Struktur und Planung einer wirklich guten Ladungssicherung eine Katastrophe verhindert. Für die Ladungssicherungsmaßnahmen, die der Fahrer hier hochprofessionell ausgeführt hat, wollen wir eine Eins vergeben, was wir fast nie tun. Für das Ladungssicherungsmaterial, zumindest für die Zurrmittel vergeben wir eine glatte Sechs, da es zwar richtig ver- und angewandt wurde, sich aber in einem katastrophalen Zustand befand.

Ihre Ladungssicherungskolumnisten wünschen allzeit eine sichere Fahrt!

© KLSK e.V.